Wie konsequent und regelmäßig wir Autofahrer (gendern hier fehl am Platze) die Verkehrsregeln missachten, fällt einem nicht nur beim Durchblättern von Zeitung uns Ratsinformationssystem auf. Dort wird einerseits ständig von alkoholisierten Autofahrern berichtet, andererseits auch ab und zu von den Ergebnissen der Geschwindigkeitskontrollen in Stadt und Kreis. Und diese sind nicht selten ziemlich beachtlich. Teilweise muss man den Eindruck bekommen, dass zu schnell fahren eher die Regel als die Ausnahme im Straßenverkehr ist.

Nicht erwähnt wird die erhebliche, aber nicht zu beziffernde Dunkelziffer der ungezählten, niemals erfassten Verstöße. Diese müssten natürlich mit einbezogen werden, wenn man sich ein realistisches Bild vom Straßenverkehr machen will. Ich gehe davon aus, dass sich die offiziellen Zahlen zu Geschwindigkeitsverstößen, Fahrten unter Alkohol etc. vervielfachen würden, hätten wir Kenntnis von der tatsächlichen Dunkelziffer. Doch all das blenden wir grundsätzlich aus! Genau wie die allgegenwärtigen Falschparker. Lappalien…

Selektive Wahrnehmung

Ein Freund ist Gärtner. Wenn er durch die Stadt läuft, fällt ihm jedes Unkraut und jeder einzelne Grashalm auf, der fehl am Platze ist und eigentlich längst hätte gemäht werden müssen. Gehe ich den gleichen Weg, sehe ich davon nichts. Zumindest nicht bewusst, obwohl alles objektiv und nachweislich vorhanden ist. Ich nehme es einfach nicht wahr, weil es mich nicht genug interessiert und es sich damit außerhalb meiner (bewussten) Wahrnehmungsblase befindet. Stattdessen fällt mir jeder Falschparker und Rotlicht-Fahrer auf. Von denen hat mein Kumpel gar nichts mitbekommen. Wir könnten denselben Weg gemeinsam gehen/fahren/laufen und würden anschließend komplett unterschiedliche Geschichten davon erzählen.

Das kann auch gar nicht anders funktionieren, weil wir alle ohne diese Reduzierung der Sinnes-Wahrnehmungem in unserer Umwelt/Mitwelt vollkommen durch Reizüberflutung überfordert und lahmgelegt wären.

Ich will hier gar nicht anfangen, diese tagtäglichen Wahrnehmungen auch nur anzufangen zu chronologisieren. Das wäre ein Lebenswerk, denn sobald man einen Schritt vor die Haustür macht, kann (oder muss) man die ersten Verkehrsverstöße durch Pkw-Fahrer wahrnehmen. Meistens Falschparker, denen die Sicherheit insbesondere von Kindern, Behinderten und sonstigen „schwachen Verkehrsteilnehmern“ ziemlich egal ist, solange sie ihr Fahrzeug irgendwo möglichst nah am Ziel abstellen können.

Als kleine Wahrnehmungs- und Entschleunigungsübung empfehle jedem und jeder, sich einfach mal konsequent an alle Verkehrsregeln (sofern bekannt) zu halten. Sollte nicht so schwer sein, da dies ja eigentlich der Normalfall ist bzw. sein sollte.

Und dann beobachtet mal das Verhalten der Verkehrsteilnehmer um Euch herum. Zum Beispiel, wenn Ihr bereits mit der maximal zulässigen Geschwindigkeit unterwegs seid. Werdet Ihr noch überholt? Oder wenn Ihr an der Ampel steht und diese grün wird. Wie oft seht ihr vor Euch noch ein Auto flott über die Kreuzung huschen – also offensichtlich bei rot? Mal einen Blick auf all die hübschen Fahrrad-„Schutz“streifen geworfen, die in Düren auf die Straßen gepinselt wurden? Jeder einzelne PKW, der da hält oder parkt, verstößt (hoffentlich wenigstens bewusst) gegen die Straßenverkehrsordnung.

Ein Blick auf sich selbst kann auch interessant sein. Schaffe ich es, mich am Grünen Weg bergab oder nachts auf der komplett menschenleeren Rheinstraße nach Mariaweiler an die vorgeschriebenen 30 km/h zu halten? Manchmal schwieriger, als man denkt.

Die Masse macht´s!

Wenn man mit so einer Wahrnehmung tagtäglich im Straßenverkehr unterwegs ist, kommen einem zwangsläufig Zweifel und es stellen sich Fragen. Beispielsweise die danach, weshalb all diese Verstöße von uns Autofahrern so gut wie nie Thema in der öffentlichen und politischen Debatte sind. Zumindest nicht, wenn es um konkrete verkehrspolitische Entscheidungen geht. Irgendwie spielen zwar immer auch Sicherheitsaspekte (nicht selten alibimäßig) mit rein, aber ganz oben auf der Argumente-Liste steht nach wie vor die Frage danach, wie wir es denjenigen, die so viele Verkehrsverstöße begehen, weiterhin ermöglichen können, möglichst vielzählig, schnell und komfortabel durch unsere Städte und Dörfer fahren zu können. Bereitstellung von massig Parkplätzen zur weiteren Attraktivierung dieses Verhaltens inklusive!

Aber schieben wir die unzähligen und meistens ungezählten privaten Zu-Schnell-Fahrer, Falschparker, Besoffen-Fahrer und so weiter einfach mal zur Seite. Alles nur bedauerliche Einzelfälle – mindestens hunderte, wenn nicht tausende pro Tag allein in Düren! Werfen wir stattdessen einen kleinen Blick auf das, was auf die privat erzeugten Verkehrsverstöße noch professionell und systematisch organisiert oben drauf kommt…



Professionelle Outlaws Teil I:
Taxi-Fahrer & Minicar-Chaoten

(Eigentlich Teil II. Hier war ja schon mal was…)

Auch auf die Gefahr hin, mal wieder unzulässig zu verallgemeinern und alle über einen Kamm zu scheren: Taxi-Fahrer geben einen Dreck auf die Verkehrsregeln! Sie machen sich ihre eigenen Gesetze, in denen sie selbst immer Recht haben. Nicht immer und natürlich auch nicht jede/r. Aber ganz offensichtlich (da reicht die tagtägliche Beobachtung vollkommen aus) mit einer Regelmäßigkeit, Selbstverständlichkeit und Konsequenz, die darauf schließen lässt, dass es sich hierbei eben nicht um täglich nur ein paar hunderte oder tausende „Einzelfälle“ handelt! Das hat System.

Und das ist umso erstaunlicher, sind Taxifahrer doch „Profis“, deren ureigenes Tätigkeitsgebiet der Straßenverkehr ist, dessen Regeln sie (als „Profis“) also bestens kennen müssten. Daraus muss man wohl schlussfolgern, dass all die unzähligen und ungezählten Verkehrsverstöße durch Taxi- und Minicar-Fahrer ganz bewusst mit Vorsatz durchgeführt werden.

Gerne würde ich an dieser Stelle mit ein paar Zahlen, Daten, Fakten aufwarten. Geht aber nicht. Gibt es nämlich nicht. Die hunderttausenden täglichen Taxi-Verkehrsverstöße gehen im allgemeinen Millionen-„Einzelfall“-Gedöns unter und sind damit auch gesellschaftlich/politisch kein Thema von besonderem Interesse.

Vielmehr hat es den Anschein, dass die regelmäßigen, professionell und bewusst produzierten Verkehrsverstöße durch das Taxi-und Minicar-Gewerbe sozusagen als gesellschaftlicher Kollateralschaden weitestgehend akzeptiert oder zumindest toleriert werden. Ist halt so! Was willste machen? Das kauft man halt mit ein, wenn man Städte und Dörfer über Jahrzehnte als möglichst und maßgeblich autofreundliche Zonen denkt und plant.

Insofern muss einen die Attitüde der Taxifahrer auch nicht überraschen, die an den Tag gelegt wird, wenn sie mal auf ihr Falschparken angesprochen werden: Komplettes Unverständnis, im besten Fall Desinteresse, im schlechteren Fall direkte Aggression. „Was willst Du überhaupt? Das Gesetz bin ich! Halt´s Maul und verzieh dich!“

Eigentlich sollte man meinen, dass das asoziale Verhalten der Taxifahrer das beste Argument gegen die immer mal wieder auftauchenden Automobil-Indoktrinierten wäre, die eine Kennzeichen-Pflicht für Fahrräder fordern. Angesichts des gegenwärtigen Taxifahrerverhaltens bei gleichzeitiger Führerschein- und Personenbeförderungsschein-Abhängigkeit scheint mir das Argument der nicht Nachverfolgbarkeit und daraus folgender Häufung von Verkehrsverstößen (die bösen Radfahrer und ihre Liebe zu roten Ampeln!) irgendwie zu verpuffen. Vielmehr scheint es umgekehrt zu sein: Je mehr Kennzeichnung am Verkehrsgerät (Nummernschild, Taxi-Kennnummer, fette Beschriftung mit Kontaktdaten), desto systematischer und selbstgerechter die Verkehrs-Vergehen.

Paradox! Aber eine gute Überleitung zum anderen Teil der Innenstadtbeförderung: Nicht nur Menschen wollen befördert werden oder sich sogar mal ganz aus eigener Kraft selbst befördern wie Radfahrer und Fußgänger. Auch Waren, die sich nicht selbst bewegen können, wollen rein in die Stadt und raus aus der Stadt. Und das nicht zu knapp…



Professionelle Outlaws Teil II:
Lieferdienst-Fahrer

Auch in Sachen Lieferdienste wären gemessene und evaluierte Zahlen mal sehr interessant. Gibt´s aber nicht. Ist wahrscheinlich auch nicht ganz leicht zu erfassen. Evaluation solcher Dinge hat uns sowieso nie groß interessiert in der autofreundlichen Gesellschaft. Manche Sachen guckt man sich eh besser nicht genauer an, sonst könnte man ja feststellen, dass es da irgendwelche Missstände gibt und Dinge vielleicht nicht ganz so laufen wie sie sollten oder es den Anschein haben soll.

Man kann das eigentlich nur mal mit gesundem Menschenverstand und anhand eigener Beobachtungen ganz grob überschlagen. Am besten konservativ gezählt oder ganz ohne konkrete Zahlen zu nennen. Oder es sich einfach per offener Fragen bewusst zu machen versuchen:

Neben den täglichen Lieferungen von und an den innerstädtischen Einzelhandel, die Baustellen, die produzierende Betriebe, die Dienstleister, Versorger und so weiter…

Wieviele private Lieferungen per Pkw/Kleintransporter/Lkw kommen noch hinzu? Man weiß es nicht. In einem taz-Artikel über die Ausbeutung von Amazon-Mitarbeitenden war von einem Fahrer zu lesen, der 270 Päckchen an einem einzigen Tag ausliefern muss. Wieviele nicht regelkonforme Parkvorgänge und Geschwindigkeitsüberschreitungen, fehlende Schulterblicke etc. dürften da inkludiert sein? Mit welchen Folgen für Verkehr & Gesellschaft? Wieviele solcher Fahrer sind tagtäglich allein in Düren unterwegs? Ergibt multipliziert in etwa? Keine Ahnung! Mindestens hunderte, nehme ich an. Wahrscheinlich eher gut vierstellig, vermute ich. Pro Tag. Nur in Düren. Nix Genaues weiß man nicht.

Kommen wir da langsam an eine Grenze, ab der es für politische Entscheidungen und öffentliche Debatten argumentativ interessant wird? Oder sprechen wir über Peanuts, notwendige und daher akzeptable Kollateraleffekte des menschlichen Zusammenlebens? Beziehungsweise sprechen wir überhaupt nicht darüber – selbst dann nicht, wenn wir dabei sind, die gesamte City masterplänlich umzubauen und auch verkehrlich fit für die Zukunft folgender Generationen zu machen? Warum eigentlich nicht?

„Amazon ist es egal, was für ein Wetter ist, es ist ihnen egal, ob wir Unfälle machen“, wird ein Paketsklave im oben erwähnten taz-Artikel zitiert. Das macht die ganze Sache mit dem asozialen Lieferverkehr nochmal auf einer ganz anderen Ebene interessant.

Natürlich rege ich mich über die ständig durch graue, weiße und braune Kleintransporter mit oder ohne Dienstleister-Emblem auf, die andauernd, immer und überall Fahrrad-„Schutz“-Streifen, Gehwege und Fahrbahnen blockieren. Gleichzeitig weiß ich um die prekären, eigentlich unzumutbaren Arbeitsverhältnisse der Versandsklaven, dich ich als Konsument mit verursache, und habe Mitleid mit den armen Autoabhängigen. Auf so einen beschissenen Job hätte ich keinen Bock!



Genauso wenig Bock habe ich aber darauf, mir immer wieder, wenn ich mal einen Paket-Sklaven (freundlich) anspreche, anhören zu müssen: „Was soll die Frage! Siehst Du nicht, dass ich arbeite / meinen Job mache / Pakete ausliefere? Wo soll ich denn sonst parken? Hier ist doch noch genug Platz…“

Null Einsicht oder Rücksicht. Kein Verständnis, keine Empathie. Wie auch? Unter diesen Bedingungen. Wer trägt da eigentlich welche Schuld und Verantwortung für wen, was und warum?

Man muss sich das einfach mal richtig bewusst machen: Die meistens von Sub-Sub-Sub-Unternehmen der BigFive + X versklavten Lieferdienst-Fahrer können ihr unterbezahltes, übervolles tägliches Arbeitspensum gar nicht schaffen, wenn sie sich an die Regeln halten? Gefährdung Anderer und Missachtung gesellschaftlicher Regeln als Konzept? Vorsätzlich einkalkulierte und unternehmerisch erwünschte Regelbrüche als Prinzip? Was für ein subversives Geschäftsmodell, das wir da alle (ich bestelle auch im Internet!) einfach so hinnehmen und wie gottgegeben akzeptieren. Nein, wir fördern das sogar noch durch unser eigenes (selbst gewolltes und frei gewähltes?) Verhalten. Ich glaube, das nennt sich „soziale Marktwirtschaft“ oder so ähnlich. *Hüstel*

Wer ist eigentlich verantwortlich für diese Entwicklung und wer soll/kann sie ändern? Wir natürlich! Ganz persönlich als Konsument, Verbraucher und individueller Nutzer. Wir haben das alles in der Hand (und selbst gewollt). „Die Politik“ ist da machtlos. Selber schuld, wenn wir ständig weiter online einkaufen, für jedes Brötchenkaufen ins Auto steigen und so weiter. Dazu zwingt uns ja schließlich niemand. *Hüstel* Alles eine simple Frage von Angebot und Nachfrage. Der Markt regelt das!

Ihr kauft Eure Brötchen in der Pkw-Drive-Through-Bäckerei? Ihr habt es so gewollt!
Ihr folgt der Einladung, die zahlreichen, gesellschaftlich subventionierten Parkplätze zu nutzen? Ihr habt sie so gewollt!
Ihr fahrt die 2-5 Kilometer zur Arbeit lieber mit dem Auto als mit Rad & ÖPNV (weil das eine viel zu gefährlich und das andere viel zu teuer und mühsam ist)? Ihr habt es so gewollt!
Ihr geht nicht mehr in der Innenstadt shoppen, weil es dort (angeblich) zu wenige Parkplätze gibt und kauft stattdessen lieber online ein und lasst es euch liefern? Ihr habt es so gewollt!



Seltsam und verwirrend das Ganze…

Statt uns (selbst) vernünftige, also sichere und komfortable Gehwege, Radwege, Bus- und Bahnlinien zur Verfügung zu stellen – so wie es unsere politischen Konzepte und demokratischen Beschlüsse seit Jahren ziemlich detailliert vorgeben, kämpfen wir (bspw. bei jedem einzelnen Parkplatz!) auch jetzt und heute noch darum, genau die Strukturen möglichst unangetastet zu lassen, wegen derer wir einen großen Teil der (nicht nur Verkehrs-) Probleme haben, die wir heute so bitterlich beklagen. Und schlussfolgern daraus auch noch, dass „Weiter so!“ die beste Strategie sei, um den Wandel hinzubekommen. Kommt Zeit, kommt Rat, Technologie, Feenstaub, Irgendwas…

Paradoxien

Beim Thema Lieferverkehr & Innenstädte offenbart sich die Paradoxie besonders – und wird (das ist wohl Teil der Paradoxie) umso konsequenter ignoriert…

Wir lassen uns einerseits mit ein paar wenigen Ausnahmen alles, was wir in der Stadt und zuhause brauchen, per Lkw und Pkw liefern. Oder besorgen es selbst per Pkw. Selbst auf der letzten innerstädtischen Meile, bis vor jede einzelne Haustür wird i.d.R. mit einem verniedlichend „Kleintransporter“ genannten X-Tonner-Boliden ausgeliefert. Stop and go von Tür zu Tür. Dagegen sieht man „neue“ smartere Lieferkonzepte wie Lastenräder und E-Kleinsttransporter in den unterschiedlichsten Varianten immer noch vergleichsweise extrem selten.

Wenn man wie ich mit der Verkehrs-Scanner-Wahrnehmung unterwegs ist, müssen einem zumindest die immens vielen Bullys & Co auffallen, die zu den „paar“ gelben Post-Autos hinzugekommen sind, die vor 10, 20, 30… Jahren unterwegs waren. Das liegt natürlich auch daran, dass wir alle immer mehr online bestellen. Selbst der innerstädtische Einzelhandel hat den Online-Handel (spätestens „dank“ Corona) für sich entdeckt bzw. entdecken müssen.

Leider sind unsere Städte und Dörfer mit dem dramatisch gestiegenen Verkehrsaufkommen, das mit unserer Liebe zu Bestellungen einhergeht, nicht mit gewachsen. Das alles – inklusive der dramatisch gestiegenen „Notwendigkeit“ immer mehr Autos fahren zu „müssen“, die von Jahr zu Jahr auch noch immer größer werden, spielt sich übrigens auf derselben Gesamtfläche wie immer ab. Das All expandiert zwar, die Erde aber nicht. Die gerade angekratzten Probleme bedingen und potenzieren sich auch noch gegenseitig.

Allgegenwärtiges Falschparken durch mehr Lieferverkehr, größere Pkw usw. erzeugt Verlangsamung und Verunflüssigung allen Verkehrs, erzeugt dadurch mehr Hektik & Zeitdruck für Lieferdienste und andere, die dadurch mehr Verkehrsverstöße wie Geschwindigkeits-Überschreitungen und weiteres Falschparken begehen (müssen?), was wiederum zur Verlangsamung und Verunflüssigung des Verkehrs führt, wodurch wiederum…

Und da haben wir so „kleine, lächerliche Nebeneffekte“ wie Unfälle und daraus resultierende Folgen für die Gesellschaft und den Verkehr, Luft- und Lärmbelastung, Flächenverbrauch und andere eher soziale Aspekte des Ganzen noch gar nicht mitgedacht…

Gleichzeitig lamentieren wir über das Sterben unserer (aus Gründen…) immer unattraktiver werdenden Innenstädte und sehen die Vollsortimentler wie Kaufhof sowie die alteingesessenen lokalen Einzelhändler, die die Innenstädte mal attraktiv gemacht haben, verschwinden. Die verbliebenen Einzelhändler bzw. deren innerstädtische Interessenvertreter argumentieren derweil entgegen verkehrswissenschaftlicher Erkenntnis wie in den autophilen 1970er Jahren. (Als die Niederländer gerade genau das Problembewusstsein entwickelt haben, das uns bis heute fehlt.) Sie sind noch immer davon überzeugt (ideologisiert), dass die Attraktivität der Innenstädte (größtenteils) von der komfortablen Erreichbarkeit für Autofahrer abhängt. Je größer das Auto, desto besser. Dann passen schließlich mehr Waren in den Kofferraum! Jeder Parkplatz sichert zwanzig Arbeitsplätze. Mindestens!

Jeder Parkplatz, der zu etwas anderem als Pkw-Stellfläche umgewidmet werden soll, jeder Zentimeter Verkehrsraum (öffentlich subventionierter Raum), der irgendwem statt dem Autoverkehr zugesprochen werden soll, wird reflexartig als der Untergang des Abendlandes dargestellt. Als ob es dem Einzelhandel (aus Gründen?) nicht so schlecht ginge, obwohl (oder weil?) wir jahrzehntelang den Pkw-Verkehr bevorzugt haben, wo es irgendwie möglich war. Und dabei alles andere haben liegen lassen. Mit eben den Folgen, die wir heute tagtäglich erleben.

Finde den Fehler.

Wie wäre es mal mit einer anderen Perspektive? Beispielsweise derer von Kindern und Jugendlichen, die keinen Führerschein haben und auf Fuß, Rad und ÖPNV angewiesen sind, wenn sie sich alleine und selbstbestimmt in ihrer Stadt bewegen wollen? Oder die von alten und in welcher Form auch immer gehandicapten oder nicht gehandicapten Menschen, die aus welchen Gründen auch immer kein Auto fahren können, wollen oder dürfen. Das wäre vielleicht auch mal für den Einzelhandel interessant. Zeigen Untersuchungen doch ziemlich deutlich, dass besonders der nicht-motorisierte Verkehr für Umsätze in den Innenstädten sorgt. Stattdessen müssen gerade Alte und Gehandicapte ständig ertragen, dass sie von der Autolobby als Nutznießer der anachronistischen, Pkw-fixierten Weiter-so-Ideologie instrumentalisiert werden: „Ihr braucht keinen ordentlichen ÖPNV. Irgendwer kann euch immer mit dem Auto fahren! Hauptsache es gibt immer genug Parkplätze für immer mehr und immer fettere Autos!“

Für einen Perspektivenwechsel müsste man also über den eigenen Schatten springen und die über Jahrzehnte selbstindoktrinierte Ideologie „Mehr Pkw=mehr Umsätze=attraktivere Städte“ in Frage stellen. Fraglich, ob das möglich ist. Dann vielleicht lieber doch mit sprichwörtlichem Volldampf den Wagen gegen die Wand fahren! Veränderung durch weiter so!


Und wo besorge ich mir jetzt das Netzteil, das ich so „dringend brauche“, das es aber beim Dürener Einzelhandel gar nicht oder nur zu Preisen gibt, zu denen ich davon online zwei frei Haus geliefert bekomme – inklusive kostenloser Rücksende-Option? Bei einem der Versandsklaven, der in einem der grauen Lieferwagen herumfährt, die sich bei mir und Dir andauernd direkt vor der Haustür ins absolute Halteverbot stellen, damit unsere Kinder nichts sehen, wenn sie über die Straße laufen?

Schöne Bescherung!